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Erinnerungskultur
- Von Heinz-Josef Sprengkamp
- Veröffentlicht 12.05.07
- Politik und Gesellschaft
- Nicht beurteilt
"Stasi-Debatten" bewegen die Öffentlichkeit nur dann, wenn Personen öffentlichen Interesses im Mittelpunkt stehen - so wie jetzt in Sachsen-Anhalt ein IHK-Chef und eine PDS-Landtagsabgeordnete. Wichtiger als Personen sind aber Strukturen, vor allem Strukturen eines - eben auch, aber nicht nur - Unrechtsstaates.
Für die Erinnerungskultur eines Volkes ist dabei die Kenntnis und die Auseinandersetzung mit Strukturen und Abläufen wichtiger als das individuelle Fehlverhalten. Über dieses müssen zunächst diejenigen richten, die von den betroffenen Personen heute in einem öffentlichen Amt repräsentiert werden. Man sollte andere urteilen lassen, ob man "anderen nicht geschadet" hat - solch eine Selbstauskunft in eigener Sache ist niemals hilfreich. In jedem Fall muss meines Erachtens die Perspektive der Opfer viel stärker beachtet werden, als dies zurzeit geschieht. Das gilt übrigens nicht nur für die aktuellen Debatten, sondern auch für die entsprechenden Kapitel in Schulbüchern, in anderen Bildungsmedien und im öffentlichen Raum insgesamt (Denkmale, Straßennamen etc.).
Ein Beispiel: Die Perspektive der Opfer reflektiert jetzt der Leipziger Maler Reinhard Minkewitz mit seinem Ölbild «Aufrecht stehen». Auf dem Werk von Minkewitz sind z.B. Geistesgrößen wie der 1957 zwangsemeritierte Philosophieprofessor Ernst Bloch, Literaturprofessor Hans Mayer und der zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilte Student Wolfgang Natonek zu sehen. Der Hintergrund zeigt die alte Universität
mit Paulinerkirche, die Walter Ulbricht 1968 sprengen ließ. Dieses Bild ist die späte Antwort auf das Wandbild «Arbeiterklasse und Intelligenz» von Werner Tübke. Das Bild wurde von der SED-Kreisleitung 1969 in Auftrag gegeben mit der Vorgabe (u.a.): "... Es soll ausgedrückt werden: Die Arbeiterklasse mit der SED an der Spitze leitet die Entwicklung der gesamten sozialistischen Gesellschaft, auch die Entwicklung der Wissenschaft; die Einheit von Geist und Macht ist hergestellt ..." Tübke malte drei Jahre lang mehr als 100 Einzelfiguren: Er wollte (und ihm gelang) "eine Fülle oder Überfülle von lebendigen Gestalten zu schaffen, Bauarbeiter, Wissenschaftler, Studenten, die sich innerhalb möglichst konkreter Handlungsabläufe auf ihre jeweilige Tätigkeit konzentrieren."
Während die einen in Tübkes Meisterwerk heute den "Aufbruch der Jugend" erkennen, vergleichbar der 68er-Zeit im Westen, sieht Erich Loest, der Auftraggeber des "Gegenbildes" und berühmte Leipziger Schriftsteller, in Tübkes Bild "die Unterdrückung und das Ende der liberalen Entwicklung der Universität".
Loest saß sieben Jahre lang im Stasi-Gefängnis in Bautzen und hat mit seinen Büchern und seinem gesellschaftlichen Engagement Maßstäbe im vereinten Deutschland gesetzt. Wenn beide Gemälde ab 2009 nach der Renovierung des Campus nebeneinander an der Leipziger Universität hängen, wie dies der Wunsch von Erich Loest ist, so ist dies ein Beitrag, wie man wirklich geschichtsbewusst eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führen kann, in der die Perspektive der Opfer einen angemessen Platz hat.



