Abhyasa, die Übung und vairagya, die Loslösung haben einen ganz zentralen Stellenwert in der Yogapraxis. In den sutras 1.12 bis 1.16 beschreibt Patanjali den Weg zu vritti-nirodhah sehr genau. Im Sutra 1.12 schreibt Patanjali :"abhyasa-vairaggyabhyam-tan-nirodhah." ,,Das Zur - Ruhe - Kommen der seelisch - geistigen Vorgänge erlangt man durch 'Übung' (abhyasa) und 'Loslösung'(vairagya)." (1.)
Mit der Übung ist heir die Ausführung der verschieden Yoga Übungen, wie zum Beispiel Asanas (Körper Übungen) Und Pranyamas( Übungen zur Steuerung der Lebensenergie) gemeint.
Das Zur-Ruhe-kommen der seelisch-geistigen Vorgänge, ist gewissermaßen der Kernpunkt der Yoga Philosophie , weil der Sehende erst dann in seiner Wesensidentität ruht. Nachdem Patanjali uns im Sutra 1.12 sagt was notwendig ist, um diesen Ruhezustand zu erreichen, werden in den Folgenden sutras abhyasa und vairagya näher definiert und genauer beschrieben: ,,tatra shitau yatno´bhyasah." ,,Die intensive Bemühung um diesen Ruhezustand ist die Übung (abhyasa)." (2 .)Hier wird uns der Hinweis für die Praxis aller Übungen innerhalb des Yoga gegeben, immer das Bemühen um diesen Ruhezustand mit in die Übung einzubeziehen.
"sa tu dirgha-kala-nairantarya-satakara-asevito drdha-bhumi." "Wenn diese Übung über eine lange Zeit ununterbrochen und mit einer Haltung der Hingabe vollzogen wird bereitet sie eine feste Grundlage." (3.)
In diesem Sutra erläutert Patanjali die Übung noch genauer in dem er uns darauf hinweist, lange, ausdauernd und in einer Haltung der Konzentration, Sammlung und Hingabe zu üben, damit wir eine feste Grundlage für den Yoga schaffen können.
Hingebungsvolles, intensives und ausdauerndes Üben schafft also die Vor-aussetzung, um wieder mit unserem inneren Selbst, dem Purusa, dem Seher, wieder in Beziehung treten zu können. Die zweite Voraussetzung dafür, die Loslösung, vairagya wird in den Sutras 1.15 und 1.16 näher erklärt
"drsta-anusravika-visaya-vitrsnasya vasikara-samjna vairagyam." "Das Nicht-Begehren nach allen gesehenen und gehörten Gegenständen ist die Loslösung, die auch Selbstbeherrschung (vasikara) genannt wird." (4.)
Haben wir durch die Übung die Identifizierung mit den vrttis ( Bewegungen des Geistes) aufgegeben und erkannt,

daß wir der Seher sind, läßt der Wunsch die gesehenen und gehörten Gegenständen zu besitzen nach. Das beschreibt Patanjali im oben genannten Sutra als Loslösung (vairagya), die auch Selbstbeherrschung (vasikara) genannt wird. Wenn die Bindung und das verhaftet sein endet, beherrschen uns nicht mehr die äußeren Zustände, sondern es bleibt nur noch reines Sehen übrig.
"tatparam purusa-khyater guna-vaitrsnyam." "Das Nicht-Begehren nach den Grundelementen (der Erscheinungswelt), das zu der Schau des ursprünglichen Menschen (purusa) führt, ist die höchste Form der Loslösung." (5)
Sobald also der Hunger nach Eindrücken der Sinne, die Gier nach der Erscheinungswelt nachläßt, werden wir zu der Erkenntnis geführt, daß wir der Seher, der innere Mensch der purusa sind. Wenn wir unsere wahre Wesensidentität die Patanjali im Sutra 1.3 beschrieben wird wieder erkennen wollen, sind Übung und Loslösung von den Gegenständen der Erscheinungswelt zwei elementare Grundvoraussetzungen.
Leider lehrt nicht jede Yogaschule auch diese Inhalte und manchmal ist gar der Yoga zu einer Art Deluxe Gymnastik verkommen. In vielen Yogakursen  wird heutzutage nur noch der Hatha Yoga gelehrt und die Philosophie des Yoga dabei vernachlässigt.
Der Autor gibt seit 1986 Yogunterricht in Münster. Seit 1991 leitet er die Patanjali Yogaschule Münster und gibt in den letzen Jahren auch in anderen Einrichtungen  Yoga Kurse in Münster und Umgebung.

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1. Deshpande, Die Wurzeln des Yoga, ,Übersetzung      von Bettina Baümer,  Verlag   O.W.Barth, S. 37, Sutra 1.12
2., Deshpande, a.a.O., S. 37, Sutra 1.13
3.. Deshpande, a.a.O., S. 37, Sutra 1.14
3. Deshpande, a.a.O., S. 37, Sutra 1.15
4.. Deshpande, a.a.O., S. 37, Sutra 1.16
5. Deshpande, a.a.O., S. 37, Sutra 1.17